Gastbeitrag von Julius Wagner für die Fuldaer Zeitung

Ausgabe 22. Mai 2020

Seit genau einer Woche dürfen Restaurants, Bars, Hotels und viele andere Betriebe des Gastgewerbes in Hessen wieder Gäste willkommen heißen. Das ist nach acht Wochen staatlich verordneter Schließung ein erster großer Schritt. Wie ein Befreiungsschlag aber fühlt es sich nicht an; nicht für die Gastgeber und nicht für die Gäste. Denn die Lockerungen, die für weite Teile der von der Corona-Krise besonders hart getroffenen Wirtschaft schrittweise umgesetzt werden, sind mit strengen Auflagen verbunden.

COVID-19 ist auch ein Frontalangriff auf eine Branche, deren Kerngeschäft und Passion die Begegnung ist. Genuss und Kommunikation, Mittagspausen, Stammtische, Familienfeiern: Das Gastgewerbe steht nicht nur für gutes Essen und weiche Betten, für Kongresse, Empfänge und Luxus. Das Gastgewerbe, das ist vor allem unser Begleiter im Alltag. Es ist das Dorfgasthaus mit seiner Wirtsfamilie. Und wir bangen um die Nachfolge und die Zukunft von etwas, dass wir auch mit Heimat, mit dem Gefühl des Erdverwurzelten verbinden. Es ist die Fastfood-Kette, in der junge Menschen eine Karriere anfangen, Schüler und Studenten sich was dazu verdienen, und über deren Foodangebote wir gerne mal die Nase rümpfen. Und ja, sprechen Sie es ruhig laut aus: Es ist eine Branche, in der gerackert wird von früh bis spät und in der am Ende eines Monats nicht viel im Geldbeutel bleibt.

Und nun? Wir haben alle erlebt, was es heißt, wenn die Gastronomie geschlossen ist. Vollständig. Dauerhaft und auf unbestimmte Zeit. Und nun sehen Sie hin: Denken Sie dabei nicht nur an die schillernden Sterne, die auch das Gastgewerbe hervorbringt, wenn wir über 186.000 Menschen sprechen, die an der Seite von über 18.000 Unternehmerinnen und Unternehmern in Hessen im Gastgewerbe arbeiten. Jeden Tag. Wir sind am Mark angekommen. Es geht um alles, nämlich um Existenzen und für alle um ein echtes Stück Lebensqualität, Vielfalt und Kultur.

Gastgeber, ob Hotelier oder Gastronom, sind nicht aus Zucker. Sie sind Macher, mutig und risikobereit. Sie sind Träumer, kreativ und künstlerisch. Sie sind Kümmerer, zuhörend und sorgend. Sie sind Kaufleute und Sie tragen genau wie wir alle Verantwortung. Gerade in diesen Tagen obliegt ihnen die Bürde einer noch höheren Verantwortung für den Gesundheitsschutz ihrer Gäste und Mitarbeiter.

Ich verstehe, dass so mancher Bedenken hat, seine Adresse niederzuschreiben, nur weil er entspannt einen Cappuccino oder ein Glas Wein trinken möchte. Und natürlich ist es befremdlich, wenn die Tische quasi leer sind: keine Salz- und Pfefferstreuer zum Beispiel. Und der Service trägt Mundschutz, so als ob das Filetsteak, das Sie bestellt haben, gleich aus Ihnen herausoperiert werden soll. Es ist für die Mehrheit der Gastronomen auch nicht fair, wenn es einige gibt, die keinen Pfifferling auf die neuen Spielregeln geben…

Was aber wäre die Alternative? Die kennen Sie, und sie lautet: Schließung. Verlieren wir uns nicht in der Kleinheit unseres eigenen Ich. Heben wir den Blick für die anderen, nicht nur den Gastwirt, sondern die Gemeinschaft. Achtsamkeit und Verständnis sind unser persönlicher Beitrag – damit es weiter gehen kann.

Posted by:bjuliuswagner

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